Episoden und Anekdoten
16 Episoden und historische Anekdoten aus der Festung und aus dem kaiserlichen Friedrichsort

gesammelt und aufgeschrieben von
Volker Landa


Festung Christianspries. Kupferstich von Matthäus Merian, 1653

1. Christian IV. – König von Dänemark, Herzog
von Schleswig und Holstein – und seine Festung

Wir schreiben das Jahr 1631. In Deutschland schlagen sich Evangelen und Katholen im 30-jährigen Krieg (1618-1648) Köpfe und Kirchen ein. Der Dänen-König Christian IV. hatte auch kräftig mitgemischt, aber jetzt droht ausgerechnet der evangelische Glaubensgenosse Gustav Adolf, König von Schweden, ihm die Herrschaft über die Ostsee streitig zu machen.
Was, wenn der Schwede mit seiner Flotte in die gut schiffbare Kieler Förde hineinsegelt, von dort aus einen Brückenkopf aufbaut und Dänemark von Süden her angreift?
Verhindern könnte es eine Festung an der engsten Stelle der Förde - dort, wo das Westufer weit in die Förde vorspringt und sie auf knapp 1 km einengt. Nur: Diese Festung muss erst noch gebaut werden! Christian kauft also die Güter Seekamp, Bülk und Knoop und beginnt mit dem Bau. Allerdings: Hier hat Friedrich III., der Herzog von Gottorf, ein Wörtchen mitzureden. Von ihm und von der Kieler Ritterschaft kommt heftiger Protest gegen die ge-plante Festung. Man befürchtet Nachteile für den Handel durch die drohenden kriegerischen Auseinandersetzungen. Und außerdem: Wer soll die Festung bezahlen? Kiel hat - dafür jedenfalls - kein Geld! (Es ist nicht das letzte Mal, dass Landesre-gierung und Stadt Kiel sich nicht einig sind!)
Es folgen zähe Verhandlungen der Diplomaten – während Christian Fakten schafft: Die Festung wird gebaut, „zu Lob, Preis und Ehre des allerheiligsten Gottesnamens“ – und zu größerem Lob und Preis des eigenen Namens: Die Festung solle „Christianspries“ heißen!
Am 4. Mai 1634 – die Bauarbeiten sind längst in Gang – gibt der Herzog von Gottorf klein bei und stimmt zu. So funktioniert Politik!

 

2. Vorsicht, Glatteis!
Man könnte meinen, die folgende Begebenheit führe den Leser auf historisches Glatteis. Der Schriftsteller Louis Aubery du Maurier hat jedoch alles mit eigenen Augen gesehen und in seiner Reisebeschreibung „Mémoires de Hambourg, de Lubeck et de Holstein ...“ aus dem Jahre 1637 festgehalten:
„ Während meines Aufenthaltes in Kiel unternahm ich einige Abstecher in die nähere Umgebung und besuchte hierbei eine Festung, die von Christian IV. in der Nähe des Meeres erbaut worden war ...
König Christian befand sich zu diesem Zeitpunkt dort, und man berichtete mir, dass er auf Anweisung seiner Ärzte in Schnaps bade.
Christian Rantzau, das Oberhaupt seines Geschlechts und ohne Zweifel der einflussreichste Mann von Holstein, war nach Christianspries gekommen, um dem König einen Besuch abzustatten. Von der Brücke aus hatte ich seine Kutsche, die von sechs besonders schönen dänischen Pferden gezogen wurde, vor einem Gasthof gesehen, der den Namen 'Krout’ trug. Die Kutscher amüsierten sich, wie es üblich war, mit einem derben Trinkgelage, während der Herr sich im Gasthof aufhielt. Doch da scheuten die Pferde und galoppierten mit der Kutsche auf das zugefrorene Meer. ...
Als ich mich auf dem Rückweg von Christianspries befand, sah ich die Kutsche, die förmlich übers Eis flog, als ob der Wind sie jetzt bereits gut eine franz. Meile übers zugefrorene Meer befördert hätte. Die Kutscher rannten in weiter Entfernung der Kutsche nach, aber völlig vergeblich, denn die Pferde zogen sie bis zur Insel Fehmarn in Richtung Lübeck, also 9 deutsche Meilen [ca. 65 km] von Kiel entfernt. Von dort ließ man die Kutsche später holen, der Herr sah sich daher genötigt, eine andere Equipage [Kutsche] zu besorgen, die ihn zu seiner Residenz, dem Schloss Bredenberg, kutschierte.“

 

3. Christian IV. – Liebhaber und alter Haudegen
Wie gut, wenn man das Nützliche mit dem Ange-nehmen verbinden kann: In Glückstadt sitzt die Geliebte Christians, Wieb(e)ke Kruse. Über den kleinen Hafen in der neuen Festung kann der trink- und lebensfreudige Herrscher schnell zu Besuch kommen. Nicht ausgeschlossen, dass die beiden auch im „Königlichen Haus“ in Christianspries gelegentlich ein Rendezvous hatten.
(Übrigens: Der heutige dänische Kronprinz Frederik und seine Prinzessin Mary sollen vor ihrer Hochzeit gelegentlich in der Festung von Kopenhagen genächtigt haben – anscheinend schützen Festungswälle nicht ganz vor Indiskretionen!)

Und dann kamen die Schweden. Aber nicht zu Wasser, sondern zu Lande. 1643 – die Festung war gerade erst fertig – eilt der schwedische General Lennart Torstenson mit seinem Heer aus Böhmen gen Norden, besetzt Kiel und schickt seinen Quartiermeister Mardefeldt nach Christianspries – offi ziell zu Verhandlungen, insgeheim jedoch mit dem Auftrag, dabei die Schwachstellen der Festung auszuspionieren. Mardefeldt verdanken wir so den ersten Grundriss der Festung. – Die nur 60 Mann schwache dänische Besatzung hält dem Angriff nicht lange Stand. Am 18. Dez. 1643 fällt sie mitsamt der zur Sicherheit hier verwahrten Dänischenhagener Kirchenkasse Torstenson in die Hände.
Der Festungskommandant Axel Urup kommt zwar nicht hinter schwedische Gardinen, muss aber sein Kavaliersversprechen geben, erst nach Zahlung eines Lösegeldes wieder Kriegsdienste zu leisten.
Ein halbes Jahr später, am 1. Juli 1644, kommt es vor der Kolberger Heide bei Heidkate zur Seeschlacht. Dem 67-jährigen König Christian, der persönlich den Oberbefehl führt, wird durch einen Holzsplitter das rechte Auge ausgerissen. Ohn-mächtig sinkt er nieder. Doch rafft er sich bald wieder auf, hält sein Taschentuch vor das blutende Auge und erteilt neue Befehle. Die schwedische Flotte, obwohl an Schiffszahl der dänischen weit überlegen, hat schwere Verluste und kann sich nur noch in den Schutz der Kanonen der schwedisch besetzten Festung retten.
Christian befiehlt, 1 ½ Meilen vor der Festung – außerhalb der Reichweite der Kanonen – vor Anker zu gehen und die Fördeausfahrt zu blockieren.
Da sitzen nun die Schweden mit ihrer Flotte in der eroberten Festung – und sind doch Gefangene!
Die ziemlich martialische dänische Nationalhymne („Königshymne“) erinnert noch heute an die Seeschlacht - und an den alten Haudegen Christian IV.:

 

4. Der Tod zweier Admiräle und vieler Soldaten
Drei Wochen Belagerung – es wird brenzlig für die Schweden in ihrer eroberten Festung. Die Flotte leidet unter Proviantmangel, und auf dem gegenüberliegenden Ufer, bei Laboe, errichten gelandete dänische Truppen eine Schanze, um die schwedischen Schiffe ins Visier zu nehmen.
Am 25. Juli 1644 – der schwedische Admiral Clas Flemming wäscht sich gerade nach der Morgentoilette die Hände – wird dieser von einer Kanonenkugel getroffen; zwei Stunden später ist er tot.
General Torstenson weiß: Er muss handeln. In Gewaltmärschen eilen seine Truppen um die Förde herum und fallen die überraschten Dänen von der Rückseite an – angeblich hat es 1.300 Tote gegeben. Sechs Kanonen werden als Beute nach Christianspries gebracht. Aber damit ist die schwedische Flotte noch nicht frei – denn noch blockieren die Dänen unter Admiral Peder Galt die Fördeausfahrt.
In der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August gelingt es der schwedischen Flotte, klammheimlich durch die dänischen Schiffe hindurch zu entkommen. Diese Unachtsamkeit kostet den Admiral Peder Galt „seinen grauen 70jährigen Kopf, der ihm deswegen zu Copenhagen abgeschlagen ward.“
Die Festung allerdings bleibt in schwedischer Hand – bis zum Frieden von Brömsebro (13.8.1645): Dänemark muss die Ostseeinseln Gotland und Ösel an Schweden abtreten und Zollfreiheit an Elbe und Öresund gewähren; dafür erhält es die besetzten Gebiete in Schleswig-Holstein – u.a. die Festung Christianspries - wieder zurück.
1648 stirbt Christian. Sein Sohn und Nachfolger Friedrich III. – zufällig Namensvetter des Gottorfer Herzogs – will den alten Konflikt mit den Gottorfern entschärfen. Als Zeichen seines „good will“ lässt er die Festung schleifen, das Land verkaufen. Ein jähes Ende für die junge Festung – vorläufig!

 

5. „Landeshauptstadt Friedrichsort“ – und warum es dann doch anders gekommen ist ...
Wenig später, ca. 1660, erkennt der dänische Kö-nig Friedrich III. die strategische Bedeutung der Kieler Förde, kauft das nötige Land zurück und beschließt, die Festung wiederaufzubauen - größer und stärker als zuvor. Angeheuert wird der renommierteste Festungsbaumeister seiner Zeit, der Holländer Henrik Ruse – er hat auch das fast baugleiche Kastell in Kopenhagen entworfen und wurde als „Baron von Rysensteen“ geadelt.
1667 ist die neue Festung kriegsbereit. Wieder gibt der König den Namen: „Friedrichsort“! Und wieder protestiert die Stadt Kiel wegen wirtschaftlicher Nachteile. Nicht zu Unrecht: Tatsächlich hatte der Festungskommandant Schiffe gezwungen, ihre Ladung in der Festung zu löschen. Und die Pläne, Friedrichsort zur Hafenkonkurrenz von Kiel zu machen, lagen längst in der Schublade. In alten
Festungsunterlagen findet sich eine Skizze für das Projekt, Friedrichsort zu einer „fortifizierten Handelsstadt mit einem Schiffhafen“ auszubauen! Friedrichsort hätte Kiel als Handelsplatz womöglich den Rang abgelaufen und wäre am Ende gar Landeshauptstadt geworden, mit dem Altstadtkern auf dem jetzigen MaK-Gelände. Kiel wäre ein unbedeutender Vorort-Stadtteil von Friedrichsort.
Wenn und wäre und hätte ... Aber es kam anders:
Der Dänenkönig sicherte zu, dass der Stadt Kiel durch die Festung keinerlei Schaden entstehen soll; im Gegenzug gab der Gottorfer Herzog Christian Albrecht – Gründer der Kieler Universität – seinen prinzipiellen Widerstand gegen die Festung auf.
Friedrichsort war gegründet, und seine 200-300 Bewohner – vor allem Soldaten, aber auch Handwerker, der Lehrer, Pastor, Marketender (Kauf-mann), Schankwirt ... - hatten nun fast 150 Jahre Ruhe und führten ein recht beschauliches Leben.

 

6. Die wundersame Rettung eines Buches
„ Rettet dies Kirchenbuch 12. Dec. 1813 Schütt Cantor”. Die Schrift auf dem Buchdeckel ist kaum zu entziffern. Andreas Philipp Schütt war 1804-1828 Organist, Küster, Kantor und Lehrer in der Festung. Das Buch ist das (erste) „Kirchenbuch der Königlichen Vestung Friedrichsort“ (1666 – 1763).
Was veranlasst „Cantor Schütt“ zu seiner merkwürdigen Bitte auf dem Buchdeckel?
Es sind schon wieder die Schweden! – Genau 170 Jahre nach der ersten Eroberung stehen sie erneut vor der Festung. Im Zuge der napoleonischen Kriege stand Dänemark auf Seiten Frankreichs, Schweden dagegen auf Seiten der Alliierten.
4.000 Schweden gegen 250 Dänen – nach 2-tägiger Belagerung, am 19.12.1813, unterzeichnet der Kommandant die Kapitulation.
Die schwedische Besetzung dauert nur vier Wochen – am 14.1.1814 schließt man Frieden. Die Dänen erhalten Friedrichsort zurück. Der Kommandant kommt wegen vorschneller Kapitulation in Haft.
Friedrichsort, Lehrer Schütt und das Kirchenbuch sind gerettet. Aber die Rettung des Buches hat eine späte Fortsetzung:
Ende 1970 taucht auf einer Auktionsliste des Braunschweiger Antiquariatshandels unser Buch auf. Wie kommt es dahin? Ein Kirchenbuch gehört ins Archiv der Kirchengemeinde – aber nicht in den Handel! Vermutlich ist es 1918/19 oder 1945 in private Hände gelangt, galt als verschollen – und ist dann wiederaufgetaucht.
Zufällig wird das Kieler Stadtarchiv auf die Auktionsliste aufmerksam gemacht, informiert den Dänischenhagener Pastor Priebe, der es kauft – und so ein zweites Mal „rettet“.
Hatte etwa die alte Bitte vom Kantor magische Kraft, so dass das Buch auf wundersame Weise auch jetzt der Nachwelt erhalten geblieben ist ???

 

7. Zwei prominente „Sklaven“ in Friedrichsort
Ca. 1988 findet man auf dem Realschulgelände ein vergrabenes Skelett. Mord in Friedrichsort ?!? Die Kripo ermittelt – bis sie den Tipp erhält, der benachbarte Friedhof sei früher größer gewesen. In der Tat: Das Schulgelände liegt auf dem Teil, der bis 1835 als „Sklaven-Kirchhof“ diente. Das angebliche Mordopfer - ein verstorbener „Sklave“!
„ Sklaven“ in Friedrichsort? Ja, gab es! So wurden bis 1849 diejenigen genannt, die zu Festungshaft verurteilt waren. Ihre „Sklavenarbeit“: Handlangerdienste für die Maurer und Zimmerleute, Reinigung der Festungsgräben, Erdarbeiten etc.
Unter diesen „Sklaven“ finden sich zwei „Promis“:
Graf Baudissin – er sollte später als Shakespeare-Übersetzer zu Ehren kommen - weigert sich 1813 als dänischer Diplomat, einen Befehl seines Königs auszuführen. Die Strafe: Entlassung und Festungshaft. Eine Freundin, Lotte Hegewisch, erinnert sich an Baudissins Haftzeit in Friedrichsort, wo er „von seinen Tanten in Emkendorf und Knoop verzogen ward, versehen mit Musikalien, Büchern, Blumen, Früchten und Besuchen. Die Cousinen in Knoop kamen im Boote durch den Kanal in seine Festung. Die Freunde versammelten sich oft bei ihm; und Lob und Liebe erklangen unter den hohen Bäumen in schmelzenden, melodischen Tönen über Wald und Meer.“
Der andere Promi, Uwe Jens Lornsen, bekommt wegen Agitation für ein unabhängiges Schleswig-Holstein 1831 einjährige Festungshaft 1. Grades – d.h. er kann sich in der Festung frei bewegen, muss sich nur täglich bei der Wache melden, darf Besuch empfangen, lesen, schreiben ... Und so schreibt Lornsen in Haft, umgeben von Kieler Gesinnungsgenossen, weiter an der aufrührerischen Verfassung Schleswig-Holsteins.
Ja, so hart war Festungshaft für „Sklaven 1. Klasse“!

 

8. Ein Leutnant, couragierte Kieler, ein hasenfüßiger Pastor und mutige Bauernjungs
Im April 1848 kommt ein junger preußischer Artillerie-Leutnant nach Kiel. Er soll der schleswig-holsteinischen Armee helfen, bei der Erhebung gegen Dänemark den Kieler Hafen zu verteidigen. Um zu verhindern, dass dänische Kriegsschiffe in die Förde einfahren und Kiel beschießen - dort sitzt die provisorische Regierung der Aufständischen -, schlägt der Leutnant vor, die Festung Friedrichsort zu besetzen – sie sei ohnehin nur noch von wenigen dänischen Invaliden gehalten.
In aller Eile wird eine 200-köpfige Kieler Bürgerwehr zusammengetrommelt. „Lautlos marschierte die Bürgerwehr auf den Eingang der Festung zu, die Zugbrücke war glücklicherweise herniedergelassen, und mit lautem Hurrah ging’s nun in die Festung hinein. Ein Widerstand machte sich zum Bedauern der Truppe nirgends bemerklich ... In den ersten Morgenstunden des Tages nach der Besetzung der Festung wurde draußen auf der Förde ein dänisches Kriegsschiff ausgemacht, und bald darauf dem nunmehrigen Kommandanten ... ein Spion vorgeführt, der mit dem Schiff Signale gewechselt hatte. Dieser Spion, ein zitternder alter Mann, entpuppte sich als ein ganz harmloses Menschenkind, es war der bisherige dänische Garnisonprediger. Diesem war es in der sonst so stillen Festung zu unruhig geworden, und er hatte deshalb den Fischern von Laboe das zur Herübersendung eines Bootes verabredete Signal gegeben.“ – Soweit Marinepfarrer Schorn über seinen doch etwas hasenfüßigen Amtskollegen.
Noch couragierter als die Männer der Bürgerwehr erweisen sich die Ehefrauen derselben. Noch einmal Schorns Bericht: „Aus Kiel traf in jenen Tagen viel Besuch in der Festung ein. Frauen und Verwandte der Bürgerwehr kamen, um sich von dem Wohlergehen ihrer Angehörigen persönlich zu überzeugen. Die Folge dieser Besuche war die, dass die Besatzung immer mehr zusammenschmolz, da die Frauen ihren Männern mit großer Überzeugung nachzuweisen verstanden, dass sie daheim unentbehrlich seien!“
Der Leutnant muss also Ersatz suchen. Ein Werbezug durch die Probstei hat erst Erfolg, als der Leutnant ans Ehrgefühl appelliert: In Deutschland hätten offenbar die Frauen mehr Courage als die Männer! Am Abend zieht er mit 150 kräftigen Bauernjungen samt zahlreicher Lebensmittel wieder in die Festung ein und bildet in den folgenden Tagen das Bauernfreicorps an den Kanonen aus.
Nun die Frage: Wer war dieser Leutnant? Seinen Nachnamen kennen Sie alle!
Es war Werner Siemens (1816-1892), 1888 geadelt, Begründer des weltbekannten Elektro-Unternehmens. Nach ihm ist die Werner-Siemens-Straße in Friedrichsort benannt. - Hand aufs Herz: Haben Sie’s gewusst?

 

9. „Rums, da geht die Pfeife los“
Leutnant Siemens mit seinen Leuten erwartet den Angriff. Tatsächlich nähern sich eines Morgens drei dänische Kriegsschiffe der Festung.
Die Vorbereitungen zur Verteidigung sind getroffen - selbst für den Fall eines Angriffs von Land aus. Schwachpunkt hier ist das Tor: die Zugbrücke verfallen, der Graben wasserfrei, das schützende Ravelin - eine Insel im Wallgraben – kaum noch vorhanden. Elektro-Fachmann Siemens ordnet daher an, in der Mitte des alten Ravelins eine große Mine zu vergraben und mit Leitungen zu versehen, um die Mine vom Wall aus zünden zu können.
Soll der Däne also nur kommen! Siemens setzt noch zu aufmunternden Worten vor dem Gefecht an – da gibt’s eine riesige Explosion.
Das kann nur die Mine sein! Um sie möglichst schnell zünden zu können, hatte Siemens’ Bruder einen Zünddraht schon mit der Batterie verbunden, den anderen an einen Zweig gehängt. Unglücklicherweise rüttelt der heftige Wind den Zünddraht los, der fällt genau auf den anderen Batteriepol - und - rums - da geht die Mine hoch!
Keine Toten - Gott sei Dank; nur einige Verletzte. Am schlimmsten erwischt es ausgerechnet den Militärarzt, der gerade die Zugbrücke passiert, als das Unglück geschieht. Samt Fuhrwerk stürzt er in den Graben; er hat erhebliche Quetschungen. – Der Posten auf dem Ravelin ist eine Weile bewusstlos, und der Koch hat starke Verbrühungen von der heißen Suppe, die sich über ihn ergießt.
Der Sachschaden ist erheblich: Dachziegel abgedeckt, Fensterscheiben – selbst noch in Laboe und Holtenau – zersprungen, Türen eingedrückt.
Nebenwirkung: In Kopenhagener Zeitungen ist zu lesen, eine der See-Minen habe die Festung zerstört. Aus Respekt vor den Minen ziehen sich die drei Schiffe zurück und wagen keinen Angriff mehr!

 

10. Ein Unglück kommt selten allein ...
Ein tragischer Unfall ereignet sich am 2. September 1850: Elf Soldaten – alle erst 18-20 Jahre alt – waren von Friedrichsort zum Dienst nach Möltenort abkommandiert, wo 1848 provisorische Schan-zen angelegt worden waren. Nun ist die Ablösung gekommen, und gemeinsam machen sich die elf jungen Männer auf den Rückweg nach Friedrichsort – am schnellsten geht’s im Boot übers Wasser. Doch nun nimmt das Unglück seinen Lauf: Das mit elf Personen überfüllte Segelboot kentert, alle finden den Tod in den Fluten der Förde. Ihre Leichen findet man z.T. erst tags darauf am Ufer. Zehn von ihnen sind auf dem hiesigen Garnisonfriedhof beerdigt, der elfte, der aus Seekamp stammte, in Dänischenhagen.
Etwa in diese Zeit fällt auch das unglückselige Ende einer tragikomischen Figur: Premierleutnant Thoschesky war von 1848-51 Festungskommandant, nachdem Siemens nach Berlin zurückgekehrt und ein schleswig-holsteinisches Bataillon in die Festung eingezogen war. Über ihn weiß Marinepfarrer Schorn folgendes zu berichten: „Thoschesky war damals ein nicht mehr ganz junger, etwas überspannter Mensch. Über Thoschesky waren viele Anekdoten im Umlauf. ... Während der Kriegszeit und zwar von 1848/50 hatte der preußische General v. Bonin den Oberbefehl über die schleswig-holsteinische Armee. Eines Tages unternahm Bonin mit seinen Angehörigen und einigen Gästen eine Dampferfahrt nach der Außenföhrde. Der Dampfer führte eine von den Damen des Generals gestickte Flagge, die allerdings nicht den Vorschriften entsprach. Die unvorschriftsmäßige Flagge wurde von Friedrichsort aus bemerkt, und der aufgeregte Festungskommandant ließ, ohne zu ahnen, wer sich an Bord des Dampfers befand, unverzüglich auf denselben feuern. Zum Glück wurde der Dampfer nicht getroffen und die Sache bald aufgeklärt. Ein ander Mal begegnete ihm folgendes Missgeschick: Thoschesky litt es nicht, dass die Hühner der Festungsbewohner vor der Kommandantur umherliefen. Als einmal wieder das Federvieh vor der Kommandantur sein Wesen trieb, befahl der Kommandant dem Posten, den Hahn, der da gerade lief, niederzuschießen und zu behalten. Der Posten schießt und der Hahn liegt tot am Boden. Kaum ist das schreckliche geschehen, da kommt des Kommandanten Haushälterin zu ihm ins Zimmer gestürzt und schreit: "Herr Kommandant, was haben Sie nun wieder für eine Dummheit gemacht, da haben Sie unsern besten Kapaun [kastrierter Hahn] totschlagen lassen!’“
Zu guter Letzt ließ Thoschesky durch Militärsträflinge auch noch die hohen Ulmen der nach Pries führenden Allee abschlagen. –
Er selbst nahm sich wenig später (1853) das Leben ...

 

11. „Die Geister, die wir riefen ...“
Aller guten Dinge sind drei: Dreimal wurde die Festung erobert: 1643, 1813 und 1848. Dreimal bekam Dänemark sie durch Friedensverträge zurück: 1645, 1814 und 1851. Bei der vierten Besetzung durch fremde Truppen sollte die Festung endgültig Dänemark verloren gehen:
„Los von Dänemark!“ – so die Losung vieler Schleswig-Holsteiner im Jahre 1863. Denn der dänische König lässt sich immer mehr von den sogen. „Eiderdänen“ drängen, Schleswig-Holstein zu dänisieren und Schleswig gar zu annektieren. Um Freiheit und Unabhängigkeit zu wahren, wendet man sich hilfesuchend an den Deutschen Bund. Die Preußen helfen da gerne – wenn es den eigenen Zwecken dient!, verjagen die Dänen („Düppeler Schanzen“ 1864), entledigen sich der mitregierenden Österreicher (1866) – und annektieren 1867 nun ihrerseits kurzerhand ganz Schleswig-Holstein.
Frei und eigenständig wollte man sein – und endet als Provinz des Königreichs Preußen! Der Drahtzieher des Ganzen: Otto von Bismarck, seit 1862 gewiefter preußischer Ministerpräsident. –
Als 1864 die Preußen kommen, ist Friedrichsort nur noch mit zwei dänischen Soldaten besetzt, faktisch aufgegeben und ohne Bewaffnung. Die Preußen beordern eine westfälische Artilleriekompanie in die Festung, die widerstandslos dort einzieht und für die Wiederbewaffnung sorgt. „Die westfälischen Artilleristen konnten zu ihrem Bedauern zu einer Thätigkeit [im Krieg gg. Dänemark 1864] nicht gelangen. Ab und zu sah man wohl draußen dänische Kriegsschiffe, eins derselben nahm sogar dicht vor dem Hafen ein deutsches Schiff weg, aber einen Angriff auf den Hafen unterließen dieselben vorsichtigerweise doch.“ (Schorn S. 35f)
Friedrichsort war preußisch geworden – und damit begannen große Veränderungen...

 

12. Mit Ankern und Netzen gegen die Franzosen
Ab 1865 beginnen die Preußen mit dem Um- und Ausbau der militärischen Anlagen in der Festung: „Die fortificatorische Sicherung der Einfahrt in den Kieler Hafen [sei] ungesäumt ... zur Ausführung zu bringen“ – so Kriegsminister Roon. Die meisten alten Gebäude aus dänischer Zeit werden abgerissen, die Kasematten errichtet, Kanonen herangeschafft, eine Munitionsfabrik („Laboratoriums-Redoute“), ein Artilleriedepot sowie Dienst- und Wohngebäude angelegt. So entsteht westlich der Festung das „neue“ (heute: alte) Friedrichsort.
Wozu diese massive Aufrüstung? Bismarck plant einen Krieg mit dem „Erbfeind“ Frankreich. Auf See ist Preußen allerdings hoffnungslos unterlegen, und der Aufbau einer schlagkräftigen Flotte dauert zu lange. Gegebenenfalls muss also die Verteidigung der Häfen und Flussmündungen von Land aus erfolgen.
Diesem Ziel dient der Bau von Befestigungsanlagen an der Förde – u.a. die Forts Falckenstein, Stosch und Korügen; das organisatorische Zentrum ist die „Königliche Festungsbaubehörde“ in Friedrichsort (seit 1877 „Fortifikation“).
Als im Juli 1870 der Krieg beginnt, werden die Leuchtfeuer von Bülk und Friedrichsort gelöscht, das Ein- und Auslaufen von Handelsschiffen verboten - und eine Hafensperre errichtet, um dem Feind das Eindringen in den Hafen unmöglich zu machen: Mit Fischernetzen und -booten, mit Ketten, Ankern, Balken und „Kontakttorpedos“ (Mi-nen) wird eine mehrreihige Sperre vom Leuchtturm Friedrichsort zum Ostufer gelegt.
Am 6. August steuert ein französisches Geschwader mit acht Schiffen auf die Förde zu. Alles ist bereit, „den Franzosen würdig zu empfangen ... Die Seeartilleristen und Matrosen brannten vor Begierde, das Feuer zu eröffnen. Noch aber war die Entfernung zu groß und wurde auch den sehnlichsten Wünschen unserer Offiziere und Mannschaften zum Trotz nicht derartig, dass an irgend welche Trefferfolge gedacht werden konnte. Das französische Geschwader änderte plötzlich Kurs und kam ... allmählich wieder aus Sicht. Ein Angriff auf den Hafen mochte dem französischen Admiral wohl nicht ganz ratsam erscheinen.“ (Schorn S. 58)
Zwar wird Mitte August über die deutschen Häfen die Blockade durch französische Schiffe verhängt - aber nicht lange: Ende September ist die Ostsee frei von feindlichen Schiffen. Unter Beachtung von Vorsichtsmaßregeln wird die Durchfahrt durch die Hafensperre freigegeben. „Das Leben und Treiben in Friedrichsort erhielt jetzt mehr und mehr einen friedlichen Anstrich, nur die kriegsmäßig besetzten Werke und die starke Garnison gemahnten noch an den Ernst des Krieges.“ (Schorn S. 62)
März 1871 wird die Sperre entfernt, und nach Kriegsende – von Friedrichsort aus war nicht ein Schuss gefallen! - normalisiert sich das Leben hier vollends. Die unterbrochenen Bauarbeiten werden wieder aufgenommen: Noch in den 70er Jahren entstehen weitere Dienst- und Wohngebäude, Kaserne, Lazarett, Garnisonschule und Garnisonkirche sowie das Minen- und Torpedo-Depot.
Innerhalb weniger Jahre ist aus der kleinen beschaulichen dänischen Festung Friedrichsort ein bedeutender Rüstungs- und Militärstandort der kaiserlich-deutschen Marine herausgewachsen.

 

13. Als dem Leuchtturmwärter das Wasser (fast) bis zum Halse stand
„ Land unter“ – nichts Ungewöhnliches für Bewohner der Westküste. - „Land unter“ an der Ostsee? Das kommt viel seltener vor. 1872 jedoch war es so weit. Die „Jahrhundertflut“, die am 13. November diesen Jahres über die schleswig-holsteinische Ostseeküste hereinbrach, war die schlimmste seit Menschengedenken.
Die Vorgeschichte: Tagelanger Westwind treibt das Wasser gen Osten – Niedrigwasser also in der Förde. Dem Gefälle folgend fließt Wasser vom Skagerrak durchs Kattegat in die Kieler Bucht, welches der auf Nord drehende Wind zum Hochwasser in der Förde verstärkt. Das ist noch harmlos. Aber nun kommt’s: Der Wind dreht weiter auf Nordost, die Wassermassen der östlichen Ostsee schwappen vom Orkan vorwärtsgepeitscht zurück, und so türmt sich ein Hochwasser aufs andere.
Am 13.11.1872 um fünf Uhr morgens brechen die Dämme an der Südseite der Festung, die Torpfeiler werden unterspült, stürzen zusammen. Ungehindert ergießt sich das Wasser in den Festungshof und bald auch ins Erdgeschoss der Gebäude – nur das obere Stockwerk bietet Zuflucht. Im Festungshof aber, wo sonst Matrosen in Reih und Glied exerzieren, schwimmen Möbel, Hausrat, Planken bunt durcheinander. Eine Yacht, die der Sturm in Laboe losgerissen hat, wird über die Förde und den überfluteten Damm hinweg in den Wallgraben getrieben, wo sie endlich liegen bleibt.
Im 13 m hohen Leuchtturm sitzend muss indes der wachhabende Leuchtturmwärter Ratje hilflos mit ansehen, wie das Wasser immer höher steigt. „Der Turm zitterte unter der Wucht der anstürmenden Fluten in allen Fugen und schwankte hin und her. Die heranrollenden Seen spritzten hoch hinauf bis zur obersten Spitze des Turmes“ – so Marinepfarrer Schorn (Friedrichsort S. 66). 52 lange Stunden musste der arme Mann aushalten. Seine Knie werden nicht weniger gezittert haben als der Turm – aber beide, Turm und Wärter, hielten Stand.
Nachmittags um vier Uhr ist der Scheitelpunkt des Hochwassers mit 3,50 m über NN erreicht, nachts um zwei Uhr ist die Festung wieder wasserfrei. Am nächsten Tag beginnt das große Aufräumen und Wieder-Aufbauen.
Am Zeughaus – es wurde erst im 2. Weltkrieg zerbombt - bringt man zur Erinnerung eine Flutmarkierung an. Der Leuchtturm erhält nach der Flut die noch heute stehende Schutzmauer, und in den folgenden Jahren wird der Schutzdeich auf 4,20 m über NN erhöht.
Der alte Leuchtturm, 1866 gebaut und damit eines der ältesten Gebäude von Friedrichsort, tat noch fast 100 Jahre seinen Dienst, bis er 1971 durch einen neuen Turm ersetzt wurde. Eine zeitlang fristete er sein Gnadenbrot am Kieler Bootshafen. Letztes Jahr (2003) ist er nach Pries-Friedrichsort, auf den Marktplatz (Heinrich-Rixen-Platz), zurückgekehrt.
Wehmütig erinnern sich ältere Friedrichsorter bei seinem Anblick der „guten alten Zeit“. Wer aber weiß heute noch von den 52 harten Stunden des Leuchtturmwärters Ratje, als ihm das Wasser (fast) bis zum Halse stand?

 

14. Ein außergewöhnliches Begräbnis
Juni 1895 - nach achtjähriger Bauzeit ist der „Kaiser-Wilhelm-Kanal“ fertig geworden. Das muss natürlich gebührend gefeiert werden: Seine Majestät höchstpersönlich samt Kaiserin und Prinzen sind gekommen, um in Holtenau den Jubel der Festversammlung und den Kaisersalut der Kanonen entgegenzunehmen.
Auch Friedrichsort ist voller Menschen: Aus aller Herren Länder sind Kriegsschiffe gekommen, um am 21. Juni bei der Flottenparade vor dem Kaiser dabei zu sein. In den folgenden Tagen wird kräftig weitergefeiert: Das Offizierskorps der Garnison gibt ein Garten- und Tanzfest im Offizierkasino zu Friedrichsort für die Gäste aus Holland, Schweden, Norwegen, Rumänien, Italien, Österreich und der Türkei. Und auch die Unteroffiziere der Garnison Friedrichsort veranstalten zu Ehren ihrer ausländischen Gäste Festlichkeiten.

Ausgerechnet in diesen Tagen nun stirbt einer die-ser Gäste – ein Unteroffizier vom türkischen Kriegsschiff „Fuad“ – ein Muslim. Er „wurde von seinen Kameraden auf dem Garnisonfriedhof von Friedrichsort nach dem Ritus der Muhamedaner beerdigt. Die Garnison beteiligte sich an dieser ernsten Feier und ehrte so den toten Kameraden“ (Schorn S. 83). Sein Grab ist heute leider nicht mehr auffindbar.
Wer mitverfolgt, welche Schwierigkeiten es heutzutage bereitet, die muslimischen Bestattungsriten – Totenwaschung, Bestattung des Toten möglichst binnen 24 Stunden, ohne Sarg in einem Leinentuch, mit der rechten Seite gen Mekka liegend – mit den behördlichen Anforderungen in Einklang zu bringen, der kann nur staunen, was damals auf einem preußischen Garnisonfriedhof offenbar problemlos möglich war!


15. Der wiedergefundene Nageltorpedo
Pastor Heistermann hatte es geahnt: Das schwere Brett, das da auf dem Dachboden der Prieser Kirche lag, war vielleicht nicht wertvoll, aber doch von kultur- oder ortsgeschichtlichem Interesse. Irgendwann – es war so 1971/72 – beschließt er, mal genauer nachzusehen. Zum Vorschein kommt ein Eichenbrett von 60 x 170 cm, rundum mit Eisennägeln bestückt, in der Mitte ein Torpedo in Reliefform, dazu eine beschriftete Metallplatte – alles schon stark angerostet. Jahrzehnte hat dieses Brett dem Küster als „Trittbrett“ gedient – mit dem „Torpedo“ nach unten.
Was Pastor Heistermann da wiederentdeckt hat, ist ein Wehrmal-Nagelbrett aus dem I. Weltkrieg, von dem man bis dato nur durch ein altes Foto und Notizen im Gemeindebrief von 1916 wusste.
Die damaligen Ortsgeistlichen – der Friedrichsorter Marinepfarrer Schulz und der Prieser Pastor Lensch – haben es im Januar 1916 vor der Matrosen-Artillerie-Kaserne in einem extra hergestellten „Wachhäuschen“ aufhängen lassen. Spendenwillige konnten für 50 Pf. einen Nagel erwerben und ihn ins Brett hämmern. Dafür gab’s dann eine Urkunde mit folgender Beschriftung: „Unser Brot – Englands Not. Gedenkblatt an meine Nagelung des Eisernen Torpedos von Friedrichsort * Pries“
Das Geld aus dem Verkauf der Nägel – etwa 1.500 RM - diente „zur Linderung der Kriegsnot“ für die Hinterbliebenen der Kriegsgefallenen.
Im Herbst 1916 wurde der Torpedo „inmitten der Ehrenkränze“ in der Prieser Kirche aufgehängt.
Danach verliert sich seine Spur – bis zu Heistermanns Fund. Klar, der „Torpedo“ muss gesichert werden – also erst einmal ab in den Pastoratskeller. Dort stand er bis 1999. Seitdem hängt er im „Museumszimmer“ der Bethlehem-Kirche – nur 300 m vom ursprünglichen Standort entfernt.

 

16. „Als Mariner im Krieg“
Es herrscht Hochbetrieb in Friedrichsort während des I. Weltkriegs. Wie schon 1870 wird wieder eine Hafensperre gelegt und der Hafen vermint. 1915 ist in Friedrichsort ein junger Mann tätig, „als Mariner im Krieg“ – so der Titel seiner tagebuchartigen Erzählung: Untergebracht in einer der Kasematten soll er im nahegelegenen Minendepot Arbeitsdienste verrichten, da sein Minensuchboot noch nicht fertiggestellt ist. Neben der Arbeit findet er viel Zeit zum Dösen, Angeln und Schreiben: „Friedrichsort war mir durch das bequeme, oder wenigstens unkriegerische Leben verleidet. Ich wollte Soldat, nicht Arbeiter sein ... Warum, zum Teufel, gelang es mir nicht, zu gefährlichen Abenteuern zu kommen?“
Wer war’s? - Joachim Ringelnatz, der sich voller Enthusiasmus nicht wie angeordnet am 2., sondern bereits am 1. Mobilmachungstag gemeldet hatte!
Auch im I. Weltkrieg tritt der Ernstfall für Friedrichsort nicht ein: Keine Kampfhandlungen!
Nach dem Krieg müssen gemäß Versailler Vertrag alle Forts und Festungen zerstört oder demontiert werden: Der Nordwall wird in den Graben geschoben, die Erdbedeckung der Kasematten entfernt, sodass nun meterhohe Schornsteine in den Himmel ragen. Dass die Festung nicht vollständig gesprengt wird, verdankt sie den Gebäuden. Die werden nun zivil genutzt, als Unterkunft für umgesiedelte Familien aus Westpreußen und Posen, ab 1924 auch als Kindererholungsheim der Stadt Kiel.
Militärtechnisch gesehen hatte die Festung nun ausgedient: Vor feindlichen Schiffen schützen fortan U-Boote und Flieger besser als eine Festung.
Glanz und Gloria des kaiserlichen Friedrichsort aber waren vorüber.
Die weitere Geschichte der Festung ist in aller Kürze der folgenden Chronik-Tabelle zu entnehmen.

 

Chronik-Tabelle zur Geschichte der Festung

  • 1631-43: Bau der Festung „Christianspries“ durch Christian IV., König von Dänemark
  • 1643-45: Eroberung / Besetzung durch Schweden
  • 1645: Rückgabe an Dänemark
  • 1648: Festung aus diplomatischen Gründen geschleift
  • 1661-67(1690): Wiederaufbau der vergrößerten Festung „Friedrichsort“ durch Friedrich III.
  • 1813/14: Belagerung / 4-wöchige Besetzung durch schwedische Truppen; Rückgabe an Dänemark
  • 1831/32: Lornsen in Festungshaft wegen Agitation für ein unabhängiges Schleswig-Holstein
  • 1848-51: schleswig-holsteinische Erhebung; Kieler Bürgerwehr unter Siemens besetzt Festung
  • 1852: nur noch 2 Trainsoldaten und ein pensionierter Offizier als dänische Festungsbesatzung
  • 1864: Deutsch-dänischer Krieg; Ende der dänischen Oberhoheit über Schleswig-Holstein. – Preußen besetzen die Festung
  • 1865: Friedrichsort Sitz der Festungsbaubehörde
  • 1866/69/76: Bau von Leuchtturm und Kasematten
  • 1867: Preußen annektiert Schleswig-Holstein
  • 1866 - ca. 1900: westlich der Festung entsteht das „alte“ Friedrichsort, u.a. mit Redoute, Minendepot, Torpedowerkstatt, Kaserne, Lazarett, Garnisonschule und –kirche
  • 1870/71: Deutschfranzösischer Krieg. Hafensperre
  • 1872: Jahrhundertflut – Hochwasser im Festungshof
  • 1914-18: 1. Weltkrieg. - Friedrichsort zwar hochgerüstet, aber keine Kampfhandlungen
  • 1915: Ringelnatz „Mariner“ im Minendepot Fr’ort
  • 1919: Zerstörung aller militärischen Anlagen. – Nordwall der Festung wird in den Graben geschoben; Gebäude dienen als Unterkunft u.a. für Familien aus Westpreußen u. Posen
  • 1922: Marine kehrt in Teile der Festung zurück (u.a. Funkstelle, Signalstation, Salutbatterie)
  • 1924: Kindererholungsheim in Teilen der Gebäude
  • 1933: Seesportschule der SA in der Festung
  • 1935: 1. Marine-Ergänzungsabteilung in den Kasematten
  • 1939-45: 2. Weltkrieg. - In der Festung: Flak, Arbeitskompanien und Fremdarbeiter
  • 1945: Bomben zerstören die letzten Gebäude aus dänischer Zeit (Torbaracke und Zeughaus)
  • 1946-57: Flüchtlinge / Vertriebene in der Festung
  • 1958-74: Obdachlosenlager „Alte Festung“
  • 1956: Bundeswehr übernimmt die Festung
  • 1961: Bundeswehr zäunt Festungsgelände ein (ohne Kasematte I); kein freier Zugang mehr
  • 1966: Festung wird unter Denkmalschutz gestellt
  • 1972: Zuschüttung des westlichen Festungsgrabens
  • 1993: Erstmals öffnet die Festung am „Tag des offenen Denkmals“ - 3.500 Besucher!
  • 2004: „Verein der Freunde der Festung Friedrichsort“ gegründet; Bundeswehr verlässt Festung

 

Literatur zur Festung Friedrichsort:

Schorn, Friedrich August: Friedrichsort. Bilder aus der Vergangenheit und Gegenwart.
Kiel 1901.

Detlefsen, Nicolaus: Die Kieler Stadtteile nördlich des Kanals. Holtenau, Pries, Friedrichsort, Schilksee. Neumünster 1978.

Spielvogel, Georg / Schöneich, Gerd: Festung und Kaserne in Friedrichsort. Altenholz 2001.

Die hier gesammelten „Histörchen“ sind gut und gerne vermehrbar. Wer etwas anzuregen oder bei-zutragen hat, wende sich bitte an

Volker Landa
Brammerkamp 13 c
24159 Kiel

Tel.: 0431 – 39 63 61
Fax: 0431 – 39 71 32
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© Volker Landa, Kiel 2004