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Der folgende Beitrag wurde uns freundlicherweise vom
Verlag Philipp von Zabern zur Verfügung gestellt und stammt
aus dem Buch "Erhalt und Nutzung historischer Zitadellen".
Herausgegeben vom Institut für Erhaltung und Modernisierung
von Bauwerken e. V. Das Buch ist ein Tagungsband der internationalen
Fachtagung vom 6. - 9. Juni 2001.
HANS-JÜRGEN BEHNKE / BERND KERNKE
FESTUNG FRIEDRICHSORT. ENTWICKLUNGSPOTENTIALE IN DEN
GRENZEN VON ALTLASTENPROBLEMATIK UND BIOTOPSCHUTZ
An einem der schönsten Plätze in Kiel, der engsten Stelle
der Förde, in unmittelbarer Nähe zum beliebten Badestrand
Falckenstein, liegt dieletzte noch weitgehend erlebbare Seefestung
Deutschlands: die einstige dänische Festung Friedrichsort.
Das flächenmäßig größte, vielleicht auch
das bedeutendste Kulturdenkmal der Landeshauptstadt, ist vielen
Bürgern der Stadt Kiel bis heute nicht bekannt. Nur zu speziellen
Anlässen war es bisher möglich, die Festung zu besichtigen.
Die Anlage ist im Besitz der Bundeswehr, wurde von der Marine noch
vor kurzer Zeit als Signalstelle genutzt und war deshalb militärischer
Sicherheitsbereich.
Im Rahmen der Umstrukturierung der Bundeswehr soll dieser "Schatz
hinter dem Deich" neben weiteren unmittelbar am Fördeufer
gelegenen Liegenschaften künftig für zivile Nutzungen
erschlossen werden. Aus diesen Veränderungen ergeben sich für
die Stadt neue, faszinierende Perspektiven. Mit der Ideenfindung
und Konkretisierung der Folgenutzung stehen wir in Kiel noch ganz
am Anfang.
Die Resonanz an den Tagen, an denen die Bundeswehr die Festung
besichtigen ließ, zeigte, dass es viele Kieler und Kielerinnen
gibt, die sich für die Geschichte des ehemals dänischen
Bollwerks interessieren. Die Zustimmung aus der Bevölkerung
hat uns ermutigt, die Öffentlichkeitsarbeit verstärkt
fortzusetzen. Auch aus diesem Grund haben wir die Einladung zur
internationalen Fachtagung "Erhaltung und Nutzung historischer
Zitadellen" in Berlin gerne angenommen.
Geschichte
Die erste Befestigungsanlage ließ 1631 der dänische König
Christian IV; der damalige Landesherr der Herzogtümer Schleswig
und Holstein, bauen. Die Bauleitung hatte der Festungsbauingenieur
Axel Urop. Anlass für dieses Bollwerk war die Rivalität
der Königreiche Dänemark und Schweden in ihrem Bestreben
um die Vorherrschaft in der westlichen Ostsee. Einen Eindruck von
dieser ersten Festung vermittelt der Kupferstich von Merian "Prospect
der Vestung Christian Pries, Im Herzogthumb Holstein" aus dem
Jahre 1653. Die Festung war im Osten und im Süden von der Kieler
Förde begrenzt, im Norden und Westen sollte ein Wallgraben
mit zwei Ravelin für Sicherheit sorgen. Auffällig an dieser
Darstellung ist ein kleiner geschützter Hafen im Süden.
Der Haupteingang lag im Westen und führte über den Westravelin.
Am 18. Dezember 1643 griffen Schweden die Festung an und konnten
sie, bei nur geringem Widerstand, schnell einnehmen. 1645 im Frieden
von Brömsebro musste das Königreich Schweden die Festung
wieder an die Dänen abtreten.
Nach dem Tode König Christians IV. ließ sein Sohn und
Nachfolger Friedrich III. die Festung schleifen und 1663 in neuer
Form wieder aufbauen. Er nannte sie nach seinem Namen: Friedrichsort.
Mit der Planung und Bauleitung beauftragte König Friedrich
den holländischen Bauingenieur Henrik Ruse, der die Festung
in Kopenhagen (die Wälle und Gräben sind heute noch erhalten)
gerade fertig gestellt hatte.
Über die neue Festung Friedrichsort liegen umfangreiche Beschreibungen
vor. Der Kern hatte die bewährte Form eines Pentagons mit fünf
Bastionen. Die Befestigungswälle bestanden aus festgestampfter
Erde und Grassoden und waren etwa 6 bis 8 Meter hoch und bis zu
25 Meter breit. Der umlaufende Wallgraben war ca. 1,50 Meter tief;
28-37 Meter breit und hatte eingebaute Ravelins (Schanzen). Die
Festungsanlage hatte zu diesem Zeitpunkt die größten
Ausmaße, vom Südwesten bis Nordosten waren es ca. 800
Meter.
Der Festungsinnenhof war dicht bebaut. Hier befanden sich unter
anderem ein Kommandantengebäude, ein Zeughaus, ein Kirchenraum,
ein Casino, ein Back- und Brauhaus, ein Proviantgebäude sowie
Unterkünfte für die Handwerker. Die Schlaf- und Aufenthaltsräume
der Soldaten waren in vier langen Baracken untergebracht. Die Mannschaftsunterkünfte
boten Platz für insgesamt 600 Personen. Der Hauptzugang lag
im Süden.
Diese Situation veränderte sich grundlegend erst nach dem
deutsch-dänischen Krieg 1864. Kiel wurde preußischer
Haupt- und Marinehafen und anschließend Reichskriegshafen.
Zur Absicherung des Kieler Hafens und der in Entwicklung befindlichen
Flotte wurde die Festung Bestandteil umfangreicher Befestigungsanlagen
zu beiden Seiten der Kieler Außenförde. Innerhalb der
Festungswälle wurden die Gebäude aus dänischer Zeit
nach und nach abgerissen. 1869 wurde außerhalb des Nordwalles
die erste preußische Kasematte errichtet und 1876 um die südlich
und parallel zu ihr gelegene, zweigeschossige, mit Erdreich überdeckte
Kasematte II ergänzt. Die Kanonen waren ausschließlich
zur Seeseite ausgerichtet. Hierfür musste der östliche
Befestigungswall mit seinen drei Bastionen umgebaut werden.
Im Gegensatz zur dänischen Zeit setzte jetzt außerhalb
der Festung eine rege Bautätigkeit ein. Zunächst entstanden
Kasernen, Offizierswohnungen, ein Marinelazarett (die heutige Heinrich-von-Stephan-Schule)
und in den Jahren 1875 bis 1877 das imposanteste Bauwerk, die Matrosen-Artillerie-Kaserne
(ab 1936 "Scheerkaserne" genannt). Dieses 145 Meter lange
Bauwerk am Südufer trug der herausragenden Lagegunst Rechnung
und wurde deshalb auch das "Graue Schloß am Meer"
genannt. 100 Jahre später wurde diese Kaserne trotz Denkmalschutz
zugunsten eines neuen Industrieverwaltungsgebäudes abgerissen.
Zwischen dieser Kaserne und der Festung wurde 1877 das Torpedo-Depot
errichtet. Es diente zunächst nur zur Lagerung, später
auch zur Herstellung der Torpedos. Mit der Ausweitung der Rüstungsproduktion
stieg auch die Zahl der benötigten zivilen Arbeitsplätze.
Die erforderlichen Wohnungen wurden in unmittelbarer Nähe in
Pries-Friedrichsort als Werkswohnungen errichtet. Die flächenhafte
Ausdehnung des Industriebetriebes bewirkte eine räumliche Trennung
des wachsenden Stadtteils zur Festung Friedrichsort. Bis zum Ersten
Weltkrieg aber bestand noch direkter Zugang über das Westtor.
Der ursprüngliche Weg, eine prächtige Lindenallee, war
zu diesem Zeitpunkt bereits unterbrochen.
Nach dem Ersten Weltkrieg begann der allmähliche Verfall der
Festung. Aufgrund der Entwaffnungsbestimmungen des Versailler Vertrages
mussten die Festungsanlagen in den Jahren 1920/21 geschleift werden.
Die Munitionslager unterhalb der Wallanlagen wurden gesprengt, der
Nordwall in den nördlichen Graben geschoben. In den fünfziger
Jahren schuf sich die Bundeswehr eine östliche Zufahrt. Die
Bastion Kronprinz wurde eingeebnet, das Erdreich in den nordöstliche
Wallgraben geschüttet. Der westliche Festungsgraben musste
in den siebziger Jahren den Erweiterungswünschen des angrenzenden
Industriebetriebes weichen. Der Verlust historischer Anlagen und
Bauwerke im Umfeld der Festung vollzog sich trotz Denkmalschutz
ohne nennenswerten öffentlichen Protest. Die Anlage wurde eingezäunt
und war nicht mehr öffentlich zugänglich. Vielen Bewohnern
und Bewohnerinnen des Stadtteils Pries-Friedrichsort blieb dieser
historische Ort im Verborgenen und er geriet zunehmend in Vergessenheit.
Erst als 1987 liebgewordene, historische Wohngebäude in "Alt-Friedrichsort"
vor dem Abriss standen, regte sich Widerstand im Stadtteil. Ein
weiterer Abriss konnte verhindert werden und es wuchs in der Bevölkerung
ein Bewusstsein um die Keimzelle ihres Stadtteils. Heute ist der
Ortsbeirat, das politische Sprachrohr des Stadtteils, ein engagierter
Vorkämpfer für die Erhaltung und Öffnung der historischen
Festungsanlage.
Zukunftspläne
In den nächsten Monaten werden wir in Kiel unsere Aktivitäten
auf drei Bereiche konzentrieren:
- Öffentlichkeitsarbeit
- Recherchen im Ostseeraum
- Nutzungsideen.
Öffentlichkeitsarbeit:
In den Sommerferien werden wir im Rahmen des "Kieler Kultursommers"
die Zitadelle mit der Bahn "erobern". Geplant ist, an
zwei Tagen im August entweder mit einer Dampflok oder mit einer
in den fünfziger Jahren in einem Betrieb neben der Festung
gebauten Lokomotive vom Hauptbahnhof zur 10 km entfernten Festung
zu fahren. Die Fahrt wird über den Nord-Ostsee-Kanal, dann
über ein wenig bekanntes Industriegleis und letztlich durch
das Gelände der angrenzenden Betriebe bis unmittelbar an die
Festung führen. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang:
die Eigentümer entlang der Strecke haben nicht nur Zustimmung
signalisiert, sondern wollen diese Aktion mit geeigneten Mitteln
unterstützen. (Anmerkung: Diese Besuche werden inzwischen durchgeführt
und erfreuen sich großer Beliebtheit).
Recherchen im Ostseeraum:
Parallel zu Nutzungsüberlegungen haben wir eine "Recherche
Seefestungen im Ostseeraum" in Auftrag gegeben. Die Arbeiten
sind noch nicht abgeschlossen, es fehlt insbesondere geeignetes
Bildmaterial. Wir werden uns aber bemühen, zur Fachtagung in
Berlin eine kleine Broschüre mit den Ergebnissen an unserem
Ausstellungsstand auszulegen. Ziel dieser Recherche ist es, eine
Übersicht bestehender Seefestungen im Ostseeraum zu erhalten
und herauszufinden, wie in unseren Nachbarländern die Seefestungen
genutzt und finanziert werden. Weiter soll ein Kontaktnetz zum Thema
Seefestung aufgebaut und ein Kooperationsprojekt im Ostseeraum vorbereitet
werden.
Nutzungsideen:
An Ideen für eine zivile Folgenutzung mangelt es nicht. Wir
hatten eher Schwierigkeiten, die Vorschläge zu bündeln
und nach Themenschwerpunkten zu ordnen, um eine geeignete Diskussionsplattform
für die politischen Gremien zu liefern. Das heißt, wir
gehen zurzeit ohne Priorität mit einer Palette von Vorschlägen
in eine offene Diskussion.
Das Spektrum der Vorschläge wird begrenzt durch
3 rahmensetzende Leitziele:
- Die Festung soll öffentlich zugänglich sein.
- Der historische Ort mit seinen vorhandenen Strukturen soll
erhalten und erlebbar bleiben.
- Der einzigartige Standort an der engsten Stelle der Förde
soll zum Ausdruck gebracht werden
Mitbestimmend für die Nutzungsvorschläge sind auch folgende
vorhandene Rahmenbedingungen: Die Festungsanlage steht unter Denkmalschutz,
die Festungsanlage ist nur sehr umwegig erreichbar. In der Nachbarschaft
befindet sich ein Industriebetrieb, von dem erhebliche Lärmemissionen
ausgehen. Die Kasematten bieten eine Nutzfläche von insgesamt
6.500 m2 (80 Räume in einer Größe von 60-70 m2).
Die Bundeswehr wird außerhalb der Festungsanlage am Südstrand
weiterhin eine militärische Anlage unterhalten. Die offenen
Wallgräben sind erheblich belastet, eine Sanierung nur dieser
offenen Festungsgräben lässt sich nach ersten Schätzungen
nur mit einem finanziellen Aufwand von ca. 4 Millionen Deutsche
Mark bewerkstelligen.
Nutzungsvorschläge
1. Ein Nachbar setzt Zeichen:
"Ein Standort wird in Szene gesetzt"
Eine private Firma, die möglichst aus dem Kreis der auf dem
angrenzenden Industriegelände angesiedelten Betriebe kommt,
baut in der historischen und maritimen Umgebung ein Schulungs- und
Service-Center mit Wellness-Bereich, zum Beispiel für Führungskräfte
oder zur Kundenbetreuung. Eine Variante wäre eine Investorengruppe,
die dort in exponierter Lage ein Hotel, eine Klinik oder ein Institut
baut. Ein Nachteil bei diesem Vorschlag ist, dass die Öffentlichkeit
nur eingeschränkt zugelassen wäre.
2. Museum und Kunst:
"Von Dybbøl bis Friedrichsort"
Ein öffentlicher oder privater Träger bietet überregional
bedeutende Kulturveranstaltungen an. Zudem könnte ein Kunstpark
entstehen. Daneben soll es eine ständige Ausstellung zur Deutsch-Dänischen
Militärgeschichte geben und die Festung mit Wällen, Gräben
und den Gebäuden rekonstruiert werden. Ort, Denkmal und Historie
stehen hier im Mittelpunkt. In Dybbøl befindet sich ein sehenswertes
Museum, in dem anschaulich das Ende des Deutsch-Dänischen Krieges
1864 dargestellt wird.
3. Alternative Feste:
"Ein bisschen Christiania"
Nach dem Vorbild von Kopenhagen und einer selbstverwaltenden Einrichtung
in Kiel soll ein weiteres Zentrum entstehen. Angedacht sind auch
Zirkusgastspiele, Open-Air-Veranstaltungen, Ausstellungen und ein
Energiepark. Der historische Bestand soll durch Teilrekonstruktion
gesichert werden.
4. Tourismus:
"Tolk, aber ganz anders"
In Anlehnung an eine bestehende Freizeiteinrichtung in Tolk in Schleswig-Holstein
soll in der Festung ein überregionales Tourismusangebot mit
Wetter unabhängigen Fremdattraktivitäten, wie zum Beispiel
einer Beach-Volleyball-Anlage unter einer Glaskuppel oder einem
Wellness-Bereich entstehen. Dieses Angebot wird nur durch erhebliche
zusätzliche bauliche Einrichtungen realisierbar sein. Der historische
Ort spielt in diesem Zusammenhang nur eine Nebenrolle. Eine Untervariante
ist ein Themenpark Festung. Die Festungsanlage dient als Kulisse
für ein Festungsspektakel und orientiert sich an den Festspielen
in Bad Segeberg (Karl May) oder auf Rügen (Störtebeker).
5. Grüne Variante:
"Natur und Freizeit"
Im Mittelpunkt dieses Modells steht die Überzeugung, dass die
Festung Bestandteil eines wertvollen Natur- und Landschaftsraumes
an der Kieler Förde ist und als Ort der Ruhe erhalten bleiben
sollte. Vorstellbar in diesem Zusammenhang ist deshalb eine Darstellung
der schleswig- holsteinischen Gartenkultur und -kunst innerhalb
des Festungshofes. Das könnten barocke oder auch moderne Gartenlandschaften
sein.
Diese fünf Konzepte dienen nicht nur den politischen Gremien
als eine erste Diskussionsplattform, sondern sie sollen auch Öffentlichkeit
schaffen. Die Lokalpresse hat uns in diesem Vorhaben mit einer ausführlichen
Berichterstattung positiv unterstützt. Sie sehen, wir haben
in Kiel noch ein gutes Stück Weges vor uns. Hier in Berlin
sind wir deshalb ganz neugierig, wie es denn die anderen gemacht
haben, welche Wege wir verkürzen können und vor allem,
wo soll am Schluss das liebe Geld herkommen?
Entwicklungspotential
Herr Behnke hat aus seiner städtebaulichen Sicht Nutzungsideen
vorgetragen, die in Kiel viel Interesse und Zustimmung, aber auch
Kritik hervorgerufen haben. Beanstandet wird, dass die vorhandenen
Qualitäten im Bestand -und hier meine ich zunächst die
ökologischen und die landschaftlichen Aspekte -sowie der Denkmalschutz
nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Hierzu meine Anmerkungen.
Der Landschaftsraum:
Die Eigenart und Schönheit der östlich und nördlich
der Festung gelegenen Landschaft sowie das Vorkommen verschiedenster
Biotoptypen stellen bezogen auf die Fragen zur Wiederherstellung
der Festung und zu ihren Nutzungsmöglichkeiten für den
Naturschutz Kriterien dar, die neben den Denkmalschutzaspekten gleichwertig
zu behandeln sind. Im Landschaftsplan der Landeshauptstadt Kiel
sind für den Festungsbereich der Erhalt und die Entwicklung
örtlicher Biotopverbundstrukturen dargestellt. Ebenfalls im
Landschaftsplan wird die Bedeutung der Festung als Teil einer historischen
Kulturlandschaft hervorgehoben, die darüber Zeugnis gibt, wie
frühere Generationen mit Natur und Landschaft umgegangen sind.
Nicht zuletzt ist der östlich der Festung Friedrichsort angrenzende,
durch die Gletscherbewegungen der Weichseleiszeit entstandene Landschaftsraum
mit seinen Steilufern, Strandwällen und Stranddünen von
besonderer geologisch-geomorphologischer Bedeutung und als solcher
über eine Landschaftsschutzgebietsverordnung gesetzlich geschützt.
Noch ist die Festung als solche für die Kielerinnen und Kieler
kaum wahrnehmbar. Vom Deich oder vom Strand aus gesehen stellt sie
eine grüne Gehölzinsel dar, die wenigstens in einem Teilbereich
Sichtschutz vor den angrenzenden optisch und akustisch störenden
Industrieanlagen bietet.
Denkmalpflegerische Entwicklungspotentiale:
Die als dänische Seefestung gegründete Festung Friedrichsort
hat in ihrer Geschichte bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts,
wie bereits aufgezeigt wurde, trotz Denkmalschutzes viele Veränderungen
erfahren, bis sie als solche in der Öffentlichkeit nicht mehr
wahrnehmbar war und nahezu in Vergessenheit geriet. Anlass für
den Denkmalschutz, sich mit der Festung Friedrichsort intensiver
zu beschäftigen, war die aktuelle Diskussion über eine
Ausstellung zur Landesgeschichte Schleswig-Holsteins, die ihn inspirierte,
eine denkmalpflegerische Zielplanung aufzustellen. Die Festung wird
wie kaum eine andere Anlage im Lande für eine Ausstellung als
hervorragend angesehen, weil sie einen wesentlichen Teil der schleswig-holsteinischen
Geschichte widerspiegelt und die preußische Zeit von 1866
bis 1918 mit den noch vorhandenen Kasematten anschaulich dokumentiert
werden kann. Parallel zu den Überlegungen der Stadt, die Festung
einer Nutzung zuzuführen, die daran gebunden sein soll, sie
der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ihre historischen
Strukturen zu erhalten und erlebbar zu machen, sowie die Einzigartigkeit
des Standortes herauszustellen, entwickelte der Denkmalschutz Vorstellungen
über konkrete Umsetzungsschritte. Sie beinhalten die Instandsetzung
der Festung in verschiedenen Phasen und geben einen Rahmen für
die Nutzung der Kasematten und für begrenzte bauliche Entwicklungsmöglichkeiten
innerhalb der Festungswälle vor. Bebauungen sind danach nur
dann zulässig, wenn sie mit den historischen Bauten harmonieren,
historisierende Formen vermeiden und die Oberkanten der Wallanlagen
nicht überragen.
Instandsetzungsphasen
1. Wiederherstellung des südlichen Festungstores mit angrenzenden
Wällen.
2. Sanierung der zur Zeit offenen Festungsgräben.
3. Wiederherstellung des westlichen Festungsgrabens.
4. Wiederherstellung der ehemaligen Bastionen König und Kronprinz.
5. Wiederherstellung des nördlichen Festungswalls unter Einbeziehung
der nördlichen Kasematte (Dachbegrünung)
6. Wiederherstellung des nördlichen Festungsgrabens.
7. Wiederherstellung des östlichen Festungswalls bei gleichzeitiger
Aufhebung des östlichen Festungszuganges aus der Nachkriegszeit.
8. Vollständige Wiederherstellung des östlichen Festungsgrabens.
Aus Sicht des Denkmalschutzes scheinen damit die Potentiale für
eine umfangreiche Instandsetzung der Festung vorhanden zu sein.
Zur besseren Einschätzung der Umsetzungschancen sollen die
nachfolgenden Ausführungen dienen.
Altlastenproblematik:
Wie aufgezeigt wurde, führten die verschiedenen Phasen der
Festungsgeschichte zu umfangreichen politisch begründeten Zerstörungen
und Rückbauten. Nicht minder schwerwiegend sind allerdings
die ökologischen Belastungen, die sich aus der normalen militärischen
Nutzung der Festung und der sich in ihrer Randlage ausbreitenden
industriellen und gewerblichen Nutzung ergeben haben. Damit ergeben
sich weitere Kriterien, die die Instandsetzung und Nutzungsmöglichkeiten
der Festung beeinflussen. Der Wallgraben wird seit dem 19. Jahrhundert
als Vorfluter für Abwässer von Abortanlagen, größtenteils
mechanisch gereinigtem Gebrauchswasser (Abflüsse aus Aborten)
und ungereinigtem Gebrauchswasser (Prozess- und Kühlwasser)
genutzt. Von angrenzenden Industriebetrieben gelangten Industrieabwässer
in die Wallgräben. Zu den Kontaminationen des offenen Wallgrabens
und der verfüllten Wallgrabenabschnitte kommen weitere Altlastenverdachtsflächen.
Insbesondere das Sediment des Wallgrabens weist hochgradig toxische
und teilweise krebserregende Schadstoffe auf. Bei einer Wasseroberfläche
von 17400 m2 und einer Schlickmächtigkeit von 0,5 m ergibt
sich ein Gesamtvolumen von 8.700 m3 belasteten Schlicks. Mit ähnlichen
Belastungen ist in den bereits verfüllten Wallgräben zu
rechnen. Allein bei einer Sanierung des offenen Wallgrabens würden
nach grober Schätzung Kosten in Höhe von 4,2 Mio. DM entstehen.
Zu bedenken sind auch die potentiellen Wirkungspfade der Schadstoffe,
wie zum Beispiel ihre Ausbreitung in das Grundwasser, in das Oberflächenwasser
(Wallgraben und Förde) sowie über die Luft, um abschätzen
zu können, inwieweit sie Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit
und die Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes haben können.
Nach vorliegenden Erkenntnissen sind die auf der Liegenschaft beschäftigten
Personen keiner Gefährdung ausgesetzt, solange sie nicht in
direktem Kontakt (zum Beispiel durch Unfälle) mit dem belasteten
Sediment geraten. Die Schadstoffe sind im Sediment weitestgehend
gebunden und gehen nur begrenzt im darüber liegenden Wasserkörper
oder im Ablauf in die Förde in Lösung. Allerdings besteht
Bedarf für weitere Untersuchungen. Wegen der potentiellen Gesundheitsgefährdungen
ist eine unkontrollierte und ungesicherte Begehung der Festung für
die Öffentlichkeit äußerst problematisch, weswegen
bei einer Öffnung dringender Handlungsbedarf für eine
Altlastensanierung besteht. Zu bedenken ist auch, dass die verfüllten
Wallgrabenabschnitte auf industriell genutzten Flächen liegen,
was einen zeitlich absehbaren Rückbau der Wallgräben und
der Bastionen unwahrscheinlich erscheinen lässt.
Naturschutz:
Noch in den fünfziger Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg waren
die Wallanlagen frei von Gehölzen, wurden von Schafen beweidet
und waren in ihren Konturen als Festungsbauwerk erkennbar. Inzwischen
sind die Wälle zu allen Seiten waldartig mit Gehölzen
bewachsen. Teile der Hochflächen sind als Sukzessionsflächen
einzustufen und neben den großflächigen Röhrichtbereichen
am Ufer des Wallgrabens nach dem Landesnaturschutzgesetz geschützt.
Auch zwischen den Wallanlagen haben sich umfangreiche Gehölzbestände
ausgebreitet oder sind angepflanzt worden. Bis auf die Kasematten
tritt die Festungsanlage kaum in Erscheinung. Der landschaftliche
Charakter ist vorherrschend und bildet bezogen auf das Landschaftsbild
und die Erholungsnutzung ein Gegengewicht zur angrenzenden industriellen
Bebauung. Im Hinblick auf die Sanierungs- und Nutzungsbestrebungen
der Landeshauptstadt Kiel und der Denkmalpflege wurde eine Vegetationserfassung
und Bestandsbewertung durchgeführt (Kieler Institut für
Landschaftsökologie, Dr. U. Mierwald).
Das Untersuchungsgebiet gliedert sich in die Bereiche:
1. Innenbereich der Festung mit ausgedehnten Rasenflächen
und Gebäuden
2. Östliche Wallanlage und teilweise abgeholzter Hang zur Ostsee
3. Südöstliche Wallanlage mit stark verbuschten Hängen
und einer großen überwiegend regelmäßig gemähten
Hochfläche
4. Südwestliche und westliche Wallanlage mit stark verbuschten,
jedoch auch vergrasten Hängen sowie relativ kleinen gemähten
Bereichen
auf dem Wall
5. Wallgraben und Uferflächen im Osten und Süden der Anlage
einschließlich Zufahrt.
Auf den Festungsanlagen im engeren Sinne wurden insgesamt 145 Pflanzenarten
festgestellt, die sich spontan angesiedelt oder nach Pflanzung erfolgreich
ausgebreitet haben. Es konnten zwar keine Arten der Roten Liste
der gefährdeten Farn- und Blütenpflanzen festgestellt
werden, doch fanden sich mehrere Arten, die ein eng begrenztes,
weitgehend auf die Ostsee beschränktes Verbreitungsgebiet in
Schleswig- Holstein aufweisen, wie zum Beispiel die Engelwurz, die
Sumpfgänsedistel oder der Knollenhahnenfuß, der infolge
Verbrachung und Verbuschung stark zurückgegangen ist. Insgesamt
weist das Gelände für seine Größe eine etwas
überdurchschnittliche Artenvielfalt aus.
Vegetationskundlich stellen sich die nicht mit Gehölzen bewachsenen,
extensiv genutzten Bereiche wegen der Magerkeitsanzeiger teilweise
interessanter dar und weisen für den Naturschutz ein gewisses
Entwicklungspotential, wenn auch keine besondere Bedeutung auf.
Das Interesse der Stadt und der Denkmalpflege, die östlichen
und südlichen Wallanlagen von Gehölzen zu befreien, nicht
zuletzt auch um einen freien Blick auf die Förde zu ermöglichen
und damit die exponierte Lage der Festung zu erleben, stellt für
den Naturschutz kein grundsätzliches Problem dar, wenn als
Entwicklungsziel die Umwandlung in Magerrasen verfolgt wird.
Es wurde zwar das Entwicklungspotential der südlich exponierten
Wallhänge bislang nicht näher untersucht. Aufgrund des
sandigen Bodens könnte sich bei entsprechender Pflege jedoch
ein Magerrasen entwickeln, ein Vegetationstyp, der allgemein rückgängig
ist. Vorraussetzung wäre allerdings, die notwendigen Gehölzrodungen
so durchzuführen, dass es zu keinen Hangerosionen kommt. Zu
prüfen ist auch, ob seitens der Denkmalpflege ein Bedarf gesehen
wird, die durch den Gehölzbewuchs, die Tätigkeit von Kaninchen
und Erosionsprozesse zum Teil stark veränderte Walloberfläche
einzuebnen.
Zur Umsetzung wird seitens des Naturschutzes eine schrittweise
Umsetzung der Überlegungen mit anschließender Erfolgskontrolle
für zulässig bewertet. In diesem Sinne wird überlegt,
inwieweit für die abgeholzten Teilbereiche ingenieurbiologische
Techniken unter Verwendung von aus Naturfasern bestehenden Geotextilien
eine erfolgreiche Hangabdeckung bewirken können, und inwieweit
auf diesen mit Sand abgedeckten Flächen tatsächlich ein
Magerrasen entstehen kann, der über Mahd oder Beweidung mit
Schafen gepflegt werden kann. Alternativ könnte nach der Abholzung
eine Zwischensaat mit Winterroggen zur Stabilisierung der Hänge
beitragen, bevor eine aus autochthonem Saatgut bestehende Einsaat
des Magerrasens erfolgt.
Keine Zustimmung würde allerdings die Beseitigung der Bäume
und Sträucher auf den Wallabschnitten finden, die zu den benachbarten,
industriell genutzten Flächen liegen, so lange keine entsprechenden
Ausgleichspflanzungen vorgenommen werden können. Mit den Gehölzbeseitigungen
würde das Landschaftsbild unverhältnismäßig
beeinträchtigt werden. Aus diesem Grund sollte auch der alte
Baumbestand zwischen den Wallanlagen erhalten bleiben.
Auch aus allgemein ästhetischer Sicht sollte eine unmittelbare
Nachbarschaft zwischen Festung und Industriegelände, das heißt
ohne Sichtschutzpflanzungen, vermieden werden. Die Festung würde
als dominantes Bauwerk gegenüber den beherrschenden Industriebauten
kaum bestehen können.
Schlussfolgerungen
Die von der Denkmalpflege entwickelten Instandsetzungsphasen führen
zu einer Wiederherstellung der Festungsanlage aus der Zeit vor dem
Ende des Ersten Weltkrieges. Damit wird der besonderen historischen
Bedeutung der Festung umfassend Rechnung getragen. Nicht absehbar
sind allerdings ihre Umsetzungschancen. Zu bedenken sind die Eigentumsverhältnisse
und die damit verbundenen Interessen, seien sie betriebswirtschaftlicher
Art hinsichtlich der industriell genutzten Bereiche oder rein finanzieller
Art hinsichtlich der hohen Kosten für eine Altlastensanierung.
Sie stellen für die Wiederherstellung und Sanierung der Festungsgräben,
die Wiederherstellung des nördlichen Festungswalles und der
Bastionen ein Hindernis dar, für dessen Überwindung es
noch keine Perspektiven gibt. Allein bei dem für die vollständige
Instandsetzung hohen Kostenaufwand stellt sich die Frage der Finanzierungsmöglichkeiten
und der Refinanzierung, die unter Umständen nur mit einem Nutzungskonzept
gekoppelt werden könnte, das den von der Denkmalpflege vorgegebenen
Rahmen sprengen würde. Insofern können sich unüberwindbare
Konflikte zu den von der Stadt entwickelten Nutzungsvarianten ergeben.
Mit den Interessen des Naturschutzes sind die Instandsetzungsphasen
weitestgehend vereinbar, zumal mit der Sanierung und Wiederherstellung
der Festungsgräben auch die dort bestehende Belastung des Naturhaushalts
beseitigt werden könnte. Aus landschaftsästhetischer Sicht
wird grundsätzlich auch die von der Denkmalpflege vorgegebene
Beschränkung der baulichen Entwicklung in der Festung befürwortet.
Wichtig wird wahrscheinlich eine pragmatische Vorgehensweise sein,
um den Zeitraum bis zur Umsetzung der ersten Instandsetzungsphasen
so zu überbrücken, dass das große öffentliche
Interesse an der Öffnung und Instandsetzung der Festung nicht
nachlässt. Denn erst durch das öffentliche Interesse bekommt
die Umsetzung von Instandsetzungskonzepten, welcher Art auch immer,
eine Zukunft.
Die Autoren dieses Buches befassen sich mit den unterschiedlichen
Möglichkeiten der Restaurierung und Nutzung solcher historischer
Zitadellen in Deutschland, Dänemark, Italien, Kroatien, Tschechien,
Ghana/Afrika und in den Niederlanden.
Erschienen ist das Buch im Verlag Philipp von
Zabern, Mainz am Rhein
http://www.zabern.de
XXXV, 366 Seiten mit 239 Schwarzweißabbildungen
und 2 Tabellen;
ISBN 3-8053-2987-3
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